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Dr. Gabriele Schambach erläutert Diveristy und Prinzipien der Agilität

Digitalisierung - Demographie - Diversität

Unter dieser Überschrift fand am 14. Februar 2018 an der Hochschule Rhein-Waal die Kick-Off Veranstaltung zu unserem Forschungsvorhaben statt. Knapp sechzig Teilnehmende aus  Unternehmen, Verbänden, Politik und Organisationen befassten sich mit den Herausforderungen und Potentialen

Der große Zuspruch hat Professorin Dr. Eva Maria Hinterhuber, Hochschullehrerin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Genderforschung an der Hochschule Rhein-Waal, und mich sehr gefreut - und deutlich gemacht, dass die Themen Digitalisierung, Fachkräftemangel und Diversity mehr als virulent sind.

Im Mittelpunkt unseres Projekts steht die Frage: Wie kann es gelingen, die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitsprozesse und -kulturen in Unternehmen durch Gender Diversity Management nutzbar zu machen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen? Ziel ist es, die regionalen Unternehmen zu stärken und die Region Rhein-Waal als attraktiven Lebens- und Arbeitsort zu erhalten.

Bei der von mir moderierten Veranstaltung haben wir über das Thema und seine Brisanz informiert:
Der demographische Wandel führt in den nächsten elf Jahren dazu, dass die Anzahl der Erwerbstätigen am Niederrhein um rund 14 Prozent zurückgehen wird. Gleichzeitig ist der Digitalisierungsgrad der hiesigen Unternehmen branchenspezifisch sehr unterschiedlich: Betriebe der Information und Kommunikation weisen verständlicherweise den höchsten Digitalisierungsgrad auf - ihr Anteil an den Beschäftigten ist jedoch recht gering. Das Baugewerbe und die Energieversorgung weisen hingegen den geringsten Digitalisierungsgrad auf. Das verarbeitende Gewerbe, Gesundheit und Sozialwesen sowie der Handel liegen im Mittelfeld, aber im oberen Feld des Beschäftigtenanteils. Die Digitalisierung wird und muss zwingend voranschreiten, um die Wettbewerbsfähigkeit der Region zu erhalten.
Dabei ist zu beachten, dass sich bereits jetzt, obwohl die Auswirkungen der Digitalisierung (noch) nicht in Gänze absehbar sind, Beschäftigungseffekte herauskristallisieren: Branchen bzw. Tätigkeiten mit einem hohen (potentiellen) Automatisierungsgrad wie Lagerverwaltung Bürotätigkeiten oder in der Produktion werden zukünftig vermutlich zurückgehen. Gleichzeitig werden Erwerbstätigkeiten mit hohem Individualisierungsgrad wie Beratung, Wissensproduktion sowie manuelle situative Tätigkeiten (wie Frieseur*innen oder Kellner*innen) zunehmen. So bietet die zunehmende Digitalisierung sowohl die Möglichkeit von Beschäftigungszuwächsen als auch das Kompensation von Standortnachteilen der hiesigen Unternehmen. Da einfache Tätigkeiten als substituierbar gelten, ist davon auszugehen, dass dies Frauenarbeitsplätze im Verwaltungs- und Bürobereich sowie Männerarbeitsplätze in der Lagerverwaltungi und Produktion betreffen werden.

Digitalisierung ist jedoch nur zu einem Teil technischer Natur. Viel weitreichender sind die (Aus-)Wirkungen auf damit einhergehende Veränderungen von Arbeitsabläufen und -organisation, Qualifikations- und Kompetenzverschiebungen, Selbstorganisation und Eigenverantwortung, Unternehmens- und Führungskultur. Die Herausforderungen können durch ein konsequentes Gender Diversity Management gemeistert werden. Zentrale Faktoren dieser Strategien wie Arbeitsorganisation, Unternehmens- und Führungskultur, Leitbild, Kommunikation, Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind so zu gestalten, dass die regionalen Unternehmen durch erfolgreiche Personalgewinnung und -bindung im Sinne von
Arbeitgeberattraktivität weiterhin am Markt bestehen können.

Die genannten Aspekte von New Work oder Arbeiten 4.0 bieten – wenn sie mit Chancengleichheit im Sinne gleicher Zugangschancen zum Arbeitsmarkt und zu Karrieren zusammen gedacht werden -  eine Vielzahl von Potentialen, um dem demographischen und Strukturwandel zu begegnen. Gleichzeitig geht es darum, für alle Beschäftigten ein gutes Arbeiten zu ermöglichen und etwaige negative Effekte der Digitalisierung wie Crowdsourcing, Clickworking, entgrenzte Arbeitszeiten durch mobiles Arbeiten etc. zu verhindern.

Um den aktuellen und zukünftigen Bedarf an Arbeitskräften zu decken, müssen die Unternehmen neue Wege gehen und neue Arbeitskräfte erschließen, die sie bisher weniger im Blick hatten: Frauen für Führungspositionen, Mütter und Berufsrückkehrerinnen, Frauen und Männer mit Migrationsgeschichte, Frauen und Männer höheren Lebensalters sowie Frauen und Männer mit Behinderungen. Zwar sind die Belegschaften der Unternehmen bereits vielfach divers zusammengesetzt, aber diese Vielfalt wird häufig zu wenig konstruktiv für den Unternehmenserfolg und für die Herstellung von Chancengleichheit genutzt. Um die bisher vernachlässigten Arbeitskräftepotentiale zu nutzen, scheint es notwendig, dass sich die regionalen Unternehmen weiter in Richtung einer Vielfalt akzeptierenden und wertschätzenden Kultur entwickeln. Hierbei spielen die Vorstände, Geschäftsführungen und Führungskräfte eine entscheidende Rolle, weil sie den Wandel gestalten können und müssen. Dies ist nur möglich, wenn neue Gender und Diversity Strategien entwickelt werden, um die Vielfältigkeit der Belegschaft systematisch zu erhöhen.

In seiner Begrüßung stellte Professor Dr. Georg Hauck, Vizepräsident für Diversität und Personalentwicklung an der Hochschule Rhein-Waal, die Bedeutung von Diversity für die Hochschule und die Region heraus. Dem schloss sich Dr. Andreas Henseler, Geschäftsführer der Zweigstelle Kleve der IHK Niederrhein, in seinem Grußwort an. Er unterstrich die Dringlichkeit Lösungsansätze für den Fachkräftemangel in der Region zu finden und befürwortete eine intensive weitere Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft.
Nach einem inhaltlichen Input von Prof. Hinterhuber, Imke Hans und mir gingen wir von der  Theorie zur Praxis über: Tarik Lababidi von der IBMSE GmbH und Marie-Christin Remy von der Steuerberatungsgesellschaft Hennecken Remy GmbH und Sprecherin der Wirtschaftsjunior*innen im Kreis Kleve ließen uns im Rahmen eines Interviews an ihren Erfahrungen mit den Themen Nachwuchskräftegewinnung und Diversität in ihren Unternehmen teilhaben.
Der zweite Teil der Veranstaltung stand ganz unter dem Motto Austausch und Vernetzung: In einem an ein World-Café angelehnten Format diskutierten die Teilnehmenden über Herausforderungen, Stärken, Potentiale und Unterstützungsbedarfe.
Eine Vielzahl von Aspekten kam hierbei zur Sprache, von denen sich zwei herausstellen lassen: Der Wandel von Wirtschaft und Arbeit ist unausweichlich und ist bereits in Form nicht oder nur schwer besetzbarer Stellen bemerkbar. Dieses Phänomen betrifft natürlich nicht nur die Niederrhein, sondern die gesamte Bundesrepublik - und ist auch jenseits der Grenze in die Niederlanden spürbar. Einigkeit herrschte trotz aller Unterschiedlichkeit der Teilnehmenden und Diskussionsthemen ebenfalls darin, dass die Überlebensfähigkeit der Unternehmen auch davon abhängen wird, ob es ihnen gelingt neue Wege zu gehen – Führungskräfte müssen jetzt aktiv werden und den Wandel Richtung Diversity aktiv gestalten.
Die eigentliche Forschungsphase, die ich wissenschaftlich und praktisch begleiten werde, soll noch 2019 beginnen. Bereits mehrere regionale Unternehmen haben ihr Interesse bekundet als Projektunternehmen mitzuarbeiten. Auch zahlreiche Mitglieder für einen beratenden Beirat, bestehend aus Verbänden und Organisationen der Wirtschaftsförderung und Gleichstellung, haben sich bereits gemeldet.