Immer noch verstehen viele Menschen, die ich treffe, unter Gender gleich Frau. Und Diversity bedeutet dann die Integration von Migranten. Nein! Es ist viel mehr!
„Junge Frauen für digitale Jobs gewinnen“ hieß das Panel des diesjährigen Arbeitgebertages bei dem ich als Podiumsgast meine Erfahrungen und Ideen einbringen konnte. Nach der Session kam ein Teilnehmer auf mich zu und meinte (sinngemäß): „Besonders interessant fand ich ihren Hinweis, dass es für die Gewinnung junger Frauen für digitale Jobs ebenso wichtig ist, den Blick auch auf die Männer als Kollegen, Mitarbeiter und Vorgesetzte zu richten. Es geht ja gar nicht nur um Frauen, sondern um Gender - um die Relation zwischen Frauen und Männern. Nur so wird ein Schuh draus“. Was habe ich mich darüber gefreut!
Hartnäckig begegnet mir nämlich immer wieder die Meinung, dass Gender gleich Frau bedeutet - und eine Beschäftigung mit Gender folglich Frauenförderung sein muss. Nein! Das stimmt einfach nicht! Aber fangen wir vorne an:
Die deutsche Spracht kennt nur das Wort Geschlecht. Im englischen hingegen wird zwischen „Sex“ und „Gender“ unterschieden - was für mein Thema gut und besonders wichtig ist.
Mit „Sex“ ist nämlich das biologische Geschlecht gemeint. Das heißt der Körper, an dem wir anhand primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale davon ausgehen, dass es sich bei einem Menschen um eine Frau oder einen Mann handelt. Dieses Geschlecht gilt als „natürlich“, eindeutig, von Geburt an gegeben und unveränderbar. Nicht erst in den letzten Jahren mehrt sich die Kritik von Inter-, Transsexuellen und der Queer Community dass auch das biologische Geschlecht uneindeutig, veränderlich und wandelbar ist.
Der Zuordnung zu einem biologischen Geschlecht folgt beim Aufwachsen ein Prozess der Aneignung zu dem sozialen Geschlecht „Gender“. Das bedeutet, Verhaltensweisen, Tätigkeiten und Zuschreibungen werden als „weiblich“ oder „männlich“ angesehen, erlernt und bewertet. Gender entsteht also, indem Menschen in Interaktion mit ihrer Umwelt Rahmenbedingungen schaffen, reproduzieren und verändern - während diese gleichzeitig auf sie Einfluss nehmen. Im Fachjargon wird dies als doing gender bezeichnet. Frauen und Männer haben also nicht von Natur aus diese oder jene Eigenschaften – zum Beispiel einparken oder zuhören können – sondern diesen Zuschreibungen liegt ein individueller und gesellschaftlicher Prozess zugrunde. Deshalb gilt Gender als sozial konstruiert und veränderbar.
Einige Beispiele wie sich Gender verändert:
Vor allem das letzte Beispiel macht deutlich, dass Menschen nicht nur durch ihr Geschlecht gekennzeichnet sind. Frauen und Männer sind nämlich keine homogenen Gruppen, sondern vielfältig und unterschiedlich. Dies beschreibt der Begriff Diversity, der mit Vielfalt und Diversität übersetzt wird. Immer wieder bekomme ich in Unternehmen und Organisationen zu hören: „Immer diese englischen Begriffe. Muss das unbedingt sein?! Gibt es keine guten deutschen Worte? Unsere Mitarbeitenden, Kund*innen, Mitglieder etc. können damit nichts anfangen. Das schreckt ab und löst Widerstand aus.“ Ich weise dann meist darauf hin, dass dies erfahrungsgemäß ein Scheineinwand ist, denn häufig können diese Menschen hervorragend downloaden, googeln, youtuben oder emailen, besitzen ein Smartphone und sitzen in der Lounge. Da frag ich mich doch, warum englisch nun ausgerechnet bei den Begriffen Gender und Diversity ein Problem sein soll? Mir scheint, die Skepsis und Abwehr ist doch eher in dem Thema begründet…
Jedenfalls beruht das Konzept Diversity darauf, dass laut der Europäischen Kommission und im deutschen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) sechs soziale Kategorien festgelegt sind, die besonderes Diskriminierungs- bzw. Privilegierungspotential haben. Dazu zählen:
Mit der Verwendung der Worte Gender und Diversity hebe ich also hervor, dass in meinem Verständnis sowohl das Geschlecht der Menschen als auch weitere vielfältige soziale Dimensionen berücksichtigt werden müssen. Zum Beispiel*:
Wenn ich mich also, wie eingangs bei der Podiumsdiskussion erwähnt, mit der Frage beschäftigte, wie junge Frauen für digitale Jobs gewonnen werden können, dann gilt es zu differenzieren:
Mit diesen Differenzierungen wird das Anliegen natürlich komplexer. Aber dafür gibt es auch deutlich mehr Ansatzpunkte und Handlungsmöglichkeiten. Und ich versichere Ihnen, dass die Erfolgsaussichten damit deutlich steigen.
Möchten Sie sich mit mir darüber austauschen? Dann freue ich mich auf unser Gespräch!
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*Quellen: Antidiskriminierungsstelle des Bundes und Statistisches Bundesamt